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copyright Sonntagszeitung 2003 19.12.03
 

Neue Hoffnung für Gelähmte ?..

 

Schweizer Forscher heilen Verletzungen des Rückenmarks bei Affen. Ein Traum wird wahr.

VON NIK WALTER, NEW ORLEANS

Die Rhesusäffchen müssen sich ihren Znüni mit viel Fingerfertigkeit erarbeiten. Gut versteckt liegt das Knabberzeugs in länglichen Vertiefungen einer Schale, sodass es die Äffchen nur herausklauben können, wenn sie das Futterkügelchen geschickt zwischen Daumen und Zeigefinger einklemmen. Nicht allen vier am Experiment an der Universität Fribourg beteiligten Makaken gelingt das gleich gut. Zwar wurde allen Tieren vorgängig eine einseitige Verletzung des Rückenmarks zugefügt. Doch sieben Wochen später haben sich, wie die Tests nun zeigen, zwei der Affen von der Querschnittlähmung wieder gut erholt.

Ist in den Freiburger Labors ein Wunder geschehen? Keineswegs. Vielmehr ist dem Forscherteam um Eric Rouiller ein riesiger Fortschritt bei der Suche nach einer Therapie für Rückenmarkverletzungen gelungen. Die beiden Affen, die ihre Fingerfertigkeit nach der Querschnittlähmung wieder erlangt haben, wurden nämlich mit einer neuen Antikörper-Therapie behandelt, die durchtrennte Nerven im Rückenmark nach der Verletzung wieder auswachsen lässt. Dies berichtete Rouillers Team letzte Woche auf der Jahrestagung der «Society for Neuroscience» in New Orleans.

Schon in wenigen Jahren könnte die neue Therapie erstmals an querschnittgelähmten Menschen getestet werden, liessen die beteiligten Forscher an der Konferenz durchblicken. Auf einen genauen Zeitpunkt will sich allerdings niemand festlegen, weil dies «zu grosse Hoffnung» schüren würde. «Der Druck von Patientenseite ist enorm», sagt Martin Schwab vom Institut für Hirnforschung an der Universität Zürich.
 

Die eingesetzten Antikörper stammen aus der Küche von Novartis

Rund 180 Menschen erleiden jedes Jahr in der Schweiz eine Rückenmarkverletzung, die sie ein Leben lang an den Rollstuhl fesselt. Für sie alle gibt es bis heute keine wirksame medikamentöse Therapie. Als einziges Mittel kommt das Steroid Methylprednisolon (MP) zum Einsatz, das die Entzündungsreaktion nach der Verletzung eindämmen soll. Nicht alle Forscher sind allerdings von der Wirksamkeit von MP überzeugt.

Martin Schwabs Team war es, das in jahrelanger Kleinarbeit die wissenschaftlichen Grundlagen für die Affenexperimente lieferte. Die «wundersame» Heilung der Fribourger Affen ist denn auch das Resultat einer beispielhaften Zusammenarbeit mehrerer Forschergruppen. Neben den Teams von Martin Schwab und Eric Rouiller spielt dabei auch Novartis eine wichtige Rolle. Die bei den Affen eingesetzten Antikörper stammen aus der Küche des Basler Pharmaunternehmens. Novartis wird auch die klinischen Tests durchführen und treibt deren Planung derzeit kräftig voran.
Weltweit wird fieberhaft geforscht, um verletzte Nervenfasern zu heilen

Noch vor 25 Jahren wagte kaum jemand davon zu träumen, Rückenmarkverletzungen je wieder heilen zu können. Das Dogma, dass durchtrennte Nervenfasern in Rückenmark und Hirn sich nicht mehr regenerieren können, schien unverrückbar. Martin Schwab war einer der ersten, der daran zweifelte und 1988 auch erstmals zeigen konnte, dass die Nervenfasern sehr wohl wachsen, wenn nicht Stoffe aus der Umgebung sie daran hindern.

Nach jahrelanger, mühsamer Detektivarbeit konnte Schwabs Team vor vier Jahren endlich das zelluläre Stoppsignal in der Isolationsschicht der Nervenfasern, dem Myelin, dingfest machen. Es ist ein Eiweiss auf der Oberfläche des Myelins, das den Nervenfasern signalisiert: «Hier gehts nicht lang!» Dementsprechend taufte Schwab das Eiweiss - und das dazu gehörige Gen - Nogo.

Die Idee war dann, das Nogo-Eiweiss mit einem so genannten Antikörper zu blockieren, damit es die Nervenfasern nicht mehr am Wachstum hindern kann. In unzähligen Experimenten mit Ratten und Mäusen gelang dies: Schwabs Gruppe konnte zeigen, dass man die Regeneration der Nervenfasern durch eine Blockierung des Nogo-Stoppsignals tatsächlich wieder anregen kann.

Für die am Affenexperiment beteiligten Forscher ist es daher nicht überraschend, dass die Tests mit dem Nogo-Antikörper bei den Makaken so gut funktionierten. «Wir machten diesen Schritt ganz bewusst erst dann, als die Erfolgschancen sehr gross waren», sagt Schwab. «Wir wissen nun genau, warum es funktioniert.»

Als Ort der Rückenmarkverletzung wählten die Forscher um Rouiller und Schwab den siebten Halswirbel. «Das ist klinisch sehr relevant», sagt Schwab, «Verletzungen im sechsten und siebten Halswirbel sind am häufigsten.» Als Folge des Eingriffs konnten die Äffchen eine Hand und ein Bein nicht mehr bewegen. Das Bein erholte sich bei allen Affen spontan wieder, weil sich im unteren Teil des Rückenmarks eine Art «Schrittmacher» befindet, der die Bewegungen der Beine unabhängig vom Hirn steuern kann.

Rouillers Team richtete daher alle Aufmerksamkeit auf die Hand. Und sie konnten Erstaunliches beobachten: Nur zwei Monate nach der Operation meisterten die beiden mit Nogo-Antikörper behandelten Äffchen mit der teilweise gelähmten Hand wieder schwierige feinmotorische Aufgaben: etwa das Fangen eines Futterbällchens, wie ein von Rouiller gezeigtes Video demonstriert. Zum Vergleich: Die nur mit einem Scheinmedikament behandelten Äffchen scheiterten bei der gleichen Aufgabe kläglich.

Kann man ähnliche Erfolge auch bei den geplanten klinischen Versuchen mit Menschen erwarten? «Eine komplette Heilung wird es nicht geben», sagt Schwab. Trotzdem glaubt der Hirnforscher, dass die Behandlung viel erreichen kann. Vor allem bei Patienten mit einer schweren Verletzung, die alle vier Extremitäten lähmt und möglicherweise auch die Atmung betrifft. «Die Hoffnung ist, dass solche Patienten wieder selbstständig atmen, Schulter und Hände bewegen und auch wieder selber stehen können», sagt Schwab.

An den ersten klinischen Tests sollen daher vorerst nur Patienten mit einer schweren, aber nicht kompletten Durchtrennung des Rückenmarks teilnehmen. «Christopher Reeve wäre ein idealer Kandidat gewesen», sagt Schwab. Geplant ist, dass spätestens eine Woche nach der Querschnittlähmung den Patienten eine Pumpe implantiert wird, die die verletzte Stelle mit Nogo-Antikörpern versorgen wird. Novartis entwickelt derzeit die dafür nötigen Antikörper.

Die Anti-Nogo-Strategie ist aber bei weitem nicht die einzige im Kampf gegen Rückenmarkverletzungen. Weltweit tüfteln etliche Forschergruppen und Pharmafirmen an Methoden, um verletzte Nervenfasern wieder zu heilen:

Zellen aus dem peripheren Nervensystem oder diverse Stammzellen sollen helfen, grössere Verletzungen als eine Art Brücke zu überwinden. Bereits laufen in Australien und Peking erste klinische Versuche.

Das Bakterienenzym Chondroitinase ABC kann Vernarbungen an der verletzten Stelle auflösen und dadurch das Wachstum der Nervenfasern erleichtern. Schwab testet derzeit das Enzym in Kombination mit den Nogo-Antikörpern.

Das Blutaufbaupräparat EPO schützt Nervenzellen. In Italien läuft bereits ein erster klinischer Versuch mit vier Patienten; Resultate liegen noch keine vor.

Die beiden Unternehmen Aventis und Acorda testen Substanzen, die die Leitfähigkeit der verletzten Nervenkabel verbessern sollen. Beide Firmen haben ihre Substanzen in Phase-II-Tests.

Welche Strategie sich als die vielversprechendste erweisen wird, ist noch offen. Vermutlich wird dereinst eine Kombination verschiedener Methoden die besten Resultate bringen. Und die Chancen stehen sehr gut, dass die Schweizer Antikörper-Therapie dazugehören wird

Quelle: ©Sonntagszeitung 19.12.03


 

 
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